Zwischen Eis, Schleusen und Vernunft

27.12.2025 | Reiseberichte 2025

Zwischen Weihnacht und Neujahr gibt es für uns kaum eine Diskussion: Das Schiff muss raus.
Die Zeit zwischen den Jahren hat ihren ganz eigenen Zauber – still, kalt, klar. Dieses Jahr soll es eine kurze, aber feine Winterfahrt werden: von Strasbourg nach Brumath. Die Schleusen sind bestellt, der Plan steht. Was soll schon schiefgehen?

Pünktlich zur vereinbarten Zeit wartet an der ersten Schleuse nach Strasbourg tatsächlich eine ausgesprochen freundliche Dame der VNF. Ein paar Worte über das Wetter, ein Lächeln, ein netter Schwatz – alles wirkt entspannt. Langsam steigen wir in der Schleuse auf, als sie beiläufig sagt:

„Ohhh… beim bergseitigen Schleusentor hat es etwas Eis. Mal schauen, ob ich das Tor aufbringe.“

Dieser eine Satz genügt.
Alle Alarmsignale gehen bei uns auf tiefrot.

Eis im Kanal – für unser Schiff ein absolutes No-Go. Die Erinnerung ist noch frisch: Mulhouse, exakt zur selben Jahreszeit im letzten Jahr. Festgefroren im Hafen, der Versuch zu fahren, das hässliche Geräusch – und ein ruinierter Unterwasseranstrich. Eine Lektion, die man kein zweites Mal lernen möchte.

Kaum verlassen wir die Schleuse, bestätigt sich unsere Befürchtung.
Knack. Knirsch. Krach.
Das schlimmste aller Geräusche unter dem Kiel: brechendes Eis.

Keine Diskussion. Maschine zurück. Stopp. Wir melden der Schleusenwärterin, dass wir sofort umkehren und wieder nach unten schleusen wollen. Sie ist sichtlich überrascht – dann aber auch ein wenig erfreut. Denn wenn wir umdrehen, wird in den nächsten Tagen niemand mehr fahren. Und tatsächlich: Noch während wir wieder abwärts gehen, gibt sie die Meldung an alle Stationen weiter.

Bis Jahresende kein Schiff mehr auf dem Kanal.
Alle haben frei.
Hurra.

Zwei Fahrtage liegen vor uns – aber der Kanal ist vom Tisch. Also entscheiden wir uns für Kehl. Unser Schiff ist für die Gästeplätze eigentlich zu lang, also machen wir an der Tankstelle fest. Mal sehen, wie lange es dauert, bis jemand reklamiert.

Es dauert nicht lange – aber ganz anders als erwartet.
Der Stegnachbar kommt, begrüsst uns freudig und winkt ab:

„Bleibt ruhig liegen. Um diese Jahreszeit kommt hier sowieso kein Schiff mehr.“

In der Nacht fallen die Temperaturen weit unter null. Ein Blick auf das stille, dunkle Wasser genügt, um zu wissen: Das war die richtige Entscheidung. Im Kanal würden wir jetzt ziemlich sicher im Eis stecken.

Am nächsten Tag wagen wir uns weiter rheinabwärts als je zuvor. Schliesslich laufen wir im Hafen Rheinau ein. Natürlich ist hier nichts los. Keine Bewegung, keine Gästeplätze.

Doch dann taucht er auf: der Eigner der „PUMMEL“.
Im Winter ist er der inoffizielle Hafenmeister – schlicht deshalb, weil er auf seinem Schiff wohnt. Ein kurzer Schwatz über die Reling, ein paar Handzeichen und schon liegen wir sicher.

„Passt. Ihr könnt bleiben.“

Wieder einmal zeigt sich: Die schönsten Begegnungen hat man auf dem Wasser.

Wenn wir diese Nacht nicht einfrieren, werden wir morgen den Rückweg nach Strasbourg unter den Kiel nehmen. Es war eine wunderbare Winterfahrt – voller kleiner Abenteuer, klarer Entscheidungen und herzlicher Bekanntschaften.

Und vor allem:
Zum Glück hat die Vernunft gesiegt.
Der eisige Kanal wird warten müssen.

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