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Das Blockhaus d’Éperlecques liegt im Wald von Éperlecques bei Watten, rund zehn Kilometer nordwestlich von Saint-Omer. Es war das erste grosse deutsche Bunkerprojekt, das als weitgehend selbstständige Basis für die ballistische Rakete A4 – später propagandistisch „Vergeltungswaffe 2“ genannt – vorgesehen war. Die Tarnbezeichnung lautete „Kraftwerk Nord West“.
Der Standort wurde Ende 1942 ausgewählt. Er lag innerhalb der Reichweite der V2 gegen London, zugleich aber weit genug von der Küste entfernt, um nicht durch britische Schiffsartillerie beschossen zu werden. Eisenbahn, Strassen, der kanalisierte Fluss Aa und Stromleitungen befanden sich in unmittelbarer Nähe. Die Raketen sollten per Bahn aus Deutschland angeliefert werden.
Die ursprüngliche Planung sah einen riesigen, vollständig geschützten Industrie- und Militärkomplex vor. Im nördlichen Abschnitt sollten die Züge in eine bombensichere Entladestation einfahren. Bis zu 108 Raketen sollten dort gelagert, kontrolliert und für den Einsatz vorbereitet werden. Anschliessend wären sie aufgerichtet, mit Treibstoff und Sprengkopf versehen und durch etwa 17 Meter hohe Tore zu zwei äusseren Startplätzen transportiert worden. Geplant waren bis zu 36 Starts am Tag.
Eine zentrale Aufgabe der Anlage war die Herstellung von flüssigem Sauerstoff bei −183 Grad Celsius, den die V2 als Oxidationsmittel benötigte. Fünf grosse Kompressoranlagen sollten monatlich ungefähr 1’500 Tonnen produzieren. Dadurch wäre Éperlecques nicht nur Abschussbasis, sondern auch eine wichtige Versorgungsstelle für weitere V2-Einheiten geworden.
Die Organisation Todt begann im März 1943 mit den Bauarbeiten. Tausende Menschen verschiedener Nationalitäten arbeiteten auf der Baustelle. Neben deutschen Fachkräften wurden französische Zwangsverpflichtete des Service du travail obligatoire, Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter eingesetzt. Sie mussten unter gefährlichen und unmenschlichen Bedingungen rund um die Uhr arbeiten.
Informationen des französischen Widerstands und Aufnahmen der alliierten Luftaufklärung machten die Briten auf das Bauvorhaben aufmerksam. Am 27. August 1943 griffen etwa 185 amerikanische B-17-Bomber die Baustelle an. Der nördliche Abschnitt befand sich gerade im Bau und wurde so schwer beschädigt, dass er nicht mehr als Raketenbahnhof und Montagehalle fertiggestellt werden konnte. Zahlreiche Arbeiter wurden bei den Angriffen getötet oder verletzt.
Die deutsche Bauleitung änderte daraufhin das Konzept. Der weitgehend erhaltene südliche Teil sollte nur noch als Fabrik für flüssigen Sauerstoff dienen. Um ihn gegen Bomben zu schützen, entstand die heutige massive Betonhalle nach dem sogenannten „Schildkrötenverfahren“: Zunächst wurde eine etwa fünf Meter starke und rund 37.000 Tonnen schwere Dachplatte am Boden gegossen. Danach hob man sie schrittweise mit hydraulischen Pressen an und errichtete die Wände darunter. So konnten die Arbeiter teilweise unter dem Betonschild weiterbauen. Das Bauwerk erreichte eine Höhe von ungefähr 22 Metern.
Zwischen August 1943 und August 1944 wurde Éperlecques etwa 25-mal bombardiert. Im Sommer 1944 setzte die Royal Air Force auch rund sechs Tonnen schwere „Tallboy“-Bomben ein. Die massive Betonkonstruktion blieb grösstenteils stehen, doch Erschütterungen, Krater, zerstörte Verkehrswege und Schäden im Inneren machten eine Nutzung unmöglich. Die bereits eingebauten Sauerstoffkompressoren wurden wieder entfernt.
Im Juli 1944 gab die deutsche Führung das Konzept fester V2-Bunker endgültig auf. Mobile Einheiten erwiesen sich als schwerer aufzuklären und konnten ihre Startplätze rasch wechseln. Von Éperlecques wurde daher niemals eine V2 gestartet und auch kein flüssiger Sauerstoff ausgeliefert. Kanadische Truppen besetzten die verlassene Anlage am 4. September 1944.
Nach der Befreiung untersuchten die Alliierten den Bunker. 1945 diente er ausserdem als Ziel für Versuche mit neuartigen betonbrechenden „Disney“-Bomben. Ein solcher Bombenkörper blieb jahrzehntelang im Dach stecken und wurde erst 2009 geborgen.
Seit 1973 ist das Blockhaus öffentlich zugänglich; 1986 wurde es als französisches Monument historique geschützt. Heute führt ein historischer Rundweg durch das von Bombenkratern geprägte Gelände. Ausgestellt sind unter anderem eine V1 mit Startrampe, eine V2 und weitere militärtechnische Objekte. Der Ort erinnert zugleich an das V-Waffen-Programm, die alliierten Luftangriffe und die Menschen, die beim Bau zur Arbeit gezwungen wurden.

